Über Klassikhype, Frauenpower und Wagner in Südkorea

Ein Interview mit der Cellistin Ji-In Choi

Ji-In Choi hatte im vergangenen September einen gefeierten Auftritt im Jagdschloss Graupa. Herzstück des Konzerts mit der Geigerin Ji-Youn Lee und der Pianistin Ji-Hye Lee war das Klaviertrio von Clara Schumann. Diese Ausnahmekünstlerin, die als Pianistin wie auch als Komponistin Maßstäbe für ihr Geschlecht setzte, feierte in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag. Die Richard-Wagner-Stätten Graupa nahmen dies zum Anlass, ihr künstlerisches Erbe in doppeltem Sinne lebendig werden zu lassen: Musik aus Frauenhand, interpretiert von virtuosen Frauenhänden.

Ji-In Choi hat in Südkorea Violoncello studiert und lebt seit 2010 mit ihrer Familie in Pirna-Copitz. Von ihr wollten wir Einiges über ihr Heimatland erfahren: welchen Stand dort Musikerinnen im Musikleben haben, und wie es um einen so besonderen Fall wie Richard Wagner und überhaupt um die europäische Klassik steht.

Ji-In Choi

Liebe Frau Choi, welchen Stellenwert hat die europäische klassische Musik heute in Südkorea?

In den letzten Jahren hat die europäische Klassik dort stark an Popularität gewonnen. Das war vor zwanzig  Jahren noch anders, da war das eher etwas für Liebhaber, für eine kleine Elite. In Korea mögen auch die jüngeren Leute klassische Musik sehr gern. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass seit ungefähr zwanzig Jahren koreanische Musikerinnen und Musiker in der ganzen Welt sehr berühmt geworden sind.

Das ist ja überraschend, weil man hier in Deutschland ­– und allgemein in der westlichen Welt – eher gegenteilige Tendenzen beobachten kann. Die jungen Leute orientieren sich eher an der Pop-Kultur. Die spielt ja auch in Korea eine große Rolle. Der K-Pop [koreanische Popmusik] ist mittlerweile auch international sehr erfolgreich. Ist das eine Konkurrenz zum Klassiksektor?

Die jüngeren Leute hören nicht nur einen Typ von Musik, also nicht nur K-Pop, nur Techno oder nur klassische Musik. Die Sache ist, wenn jemand berühmt wird, dann gucken alle danach im Internet. Und die jungen Leute tauschen sich untereinander über die Musiker aus, wenn ihnen etwas gut gefallen hat, ganz locker. Dass es da eine Konkurrenz zwischen Pop und Klassik gibt, kann ich nicht sagen. Die jungen Leute gehen gerne ins Konzert und kaufen auch selber die Tickets. Sie denken, das ist Kultur, und Kultur sollte man genießen. Das Publikum in den Konzerten ist viel jünger als in Deutschland.

Und wie sieht es mit der traditionellen koreanischen Musik aus? Es gibt dort ja auch eine eigene klassische Tradition.

Diese Musik nennt man „Guk-Ag“, das bedeutet in etwa „nationale Musik“. Es ist sehr schade, dass die jüngeren Leute die traditionelle koreanische Musik nicht so gerne mögen. Sie denken, dass das langweilig ist. Eher hören sie die europäische Klassik – auch bei mir ist das so gewesen. In der Grundschule habe ich die Schüler beneidet, die mit einem Geigenkasten zum Musikunterricht gegangen sind. Da bin ich eines Tages einfach in den Instrumentalunterricht gegangen. Traditionelle koreanische Musik wurde in der Schule gar nicht angeboten.

 Was verbinden Sie persönlich mit romantischer Musik, speziell auch mit der von Clara und Robert Schumann?

Von der romantischen Musik liegen mir vor allem Dvorák und Brahms nahe. Ich mag vor allem die Cellowerke von Brahms, er hat sehr emotionale Melodien. Von Clara Schumann gibt es leider keine Cellostücke. Früher habe ich gar nicht gewusst, dass sie auch ein Klaviertrio [mit Cellopart] geschrieben hat. Das Konzert in Graupa war für mich eine tolle Gelegenheit, Claras Musik kennenzulernen.

Was hat Sie überrascht an dem Trio von Clara?

Ich habe in meinem Studium schon einiges an Kammermusik gespielt. Ich habe immer gedacht, dass Kammermusik sehr temperamentvoll ist, sehr männlich. Das Trio von Clara ist aber doch ein bisschen anders, anders als die Musik eines männlichen Komponisten. Manches darin ist sehr weiblich, manches aber auch männlich – Clara war ja eine starke Frau, mehr oder weniger Alleinerzieherin.

In Europa gab es lange Zeit große Vorurteile gegenüber Frauen in Musikerberufen. Bei Sängerinnen und Instrumentalistinnen sind sie heute weitgehend verschwunden, bei Komponistinnen oder Dirigentinnen spürt man sie immer noch. Wie sieht das in Südkorea aus?

In Korea gibt es deutlich mehr Musikerinnen als Musiker. Das hat damit zu tun, dass viele Eltern ihre Töchter schon frühzeitig musikalisch ausbilden, mit fünf oder sechs Jahren. Viele Eltern denken, dass es für Mädchen noch besser als für Jungen ist, klassische Musik zu lernen. Als Musikerin hat man in Südkorea eigentlich die gleichen Chancen wie ein Musiker. Die Menschen denken in der Musik nicht in Vorurteilen. Dirigentinnen haben es aber trotzdem ein bisschen schwer. Viele denken, dass sie nicht so kraftvoll dirigieren. Aber es gibt sie in Südkorea.

Hat Richard Wagner in Südkoreaeine Fangemeinde?

Es gibt dort seit 1993 eine Wagner-Gesellschaft, und seit dieser Zeit werden auch regelmäßig Wagner-Opern in Korea aufgeführt. 1976 wurden „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ noch in koreanischer Sprache gesungen. Heute hört man sie in Original-Sprache. Die Koreaner mögen Oper allgemein sehr gern. Sie sind ein theatralisches Volk, sie lieben es zu tanzen, zu schauspielern und zu singen. Beliebt sind in Süd-Korea vor allem Opern von Verdi, Rossini und Puccini. Es stehen eher einzelne Stücke als bestimmte Komponisten im Vordergrund. Opern von Richard Wagner sind in Süd-Korea immer noch eher etwas für Liebhaber, aber durchaus auch bekannt (z. B. „Tannhäuser“).

Welche Unterschiede zwischen dem Musikleben in Deutschland und in Südkorea sind Ihnen besonders aufgefallen?

Ich habe in Deutschland gemerkt, dass die Musiker hier die Musik, die sie spielen, nicht nur lernen, sondern auch genießen. In Korea lernt man am Anfang oft unter dem Zwang der Eltern, das heißt: viel Studieren, viel Üben, und das finde ich ein bisschen schade, denn man kann auch genießen.

Die Fragen stellte Dr. Wolfgang Mende.

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Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna mbH
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01796 Pirna OT Graupa

Telefon: 03501 461 965-0
E-Mail: wagnerstaetten@pirna.de

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Di – Fr: 11 – 17 Uhr
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1. November bis Gründonnerstag
Di – Fr: 11 – 17 Uhr
Sa/So/feiertags: 10 – 17 Uhr

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24. Dezember: 10 - 14 Uhr
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