Im Dienst Richard Wagners

Zum zehnten Todestag von Joachim Herz (1924–2010)

Der Salzburger Altgermanist Ulrich Müller pflegte zu sagen, Joachim Herz sei „der meistbeklaute Opernregisseur aller Zeiten“. Fest steht: Herz war einer der ganz Großen der Opernregie. Sein Einfluss auf spätere Generationen kann kaum überschätzt werden. Der gebürtige Dresdner studierte nach dem II. Weltkrieg an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Dirigieren und Opernregie bei Heinz Arnold. Über Stationen an der Landesbühne Radebeul und der Komischen Oper Berlin kam er 1959 als Operndirektor nach Leipzig, wurde 1976 Intendant der Komischen Oper und 1982 Chefregisseur der Dresdner Semperoper; nach der „Wende“ schickte ihn der neue Intendant – ein „Wessi“ – durchaus gegen seinen Willen in Pension.

An der Komischen Oper war er von 1953 bis 1956 Assistent von Walter Felsenstein. Er wurde böse, wenn man ihn als „Schüler“ Felsensteins bezeichnete, nannte immer Arnold als seinen Lehrer. Was ihn mit dem langjährigen Intendanten der Komischen Oper verbindet: Solange fremdsprachige Opern in Übersetzung gespielt wurden, erstellten beide für ihre Inszenierungen neue bzw. revidierte Textfassungen. Und: beide betrieben intensive historische und philologische Studien – für seine Madam Butterfly an der Komischen Oper 1978 griff Herz als erster auf die erfolglose und vom Komponisten verworfene Erstfassung zurück.Joachim Herz

Die Zeit in Leipzig bezeichnete Herz im Rückblick als „die sinnvollsten Jahre [s]eines Lebens“. Hier realisierte er bis 1976 31 seiner insgesamt 126 Inszenierungen, darunter Raritäten wie Giacomo Meyerbeers Hugenotten (in einer Zeit, als niemand Meyerbeer aufführte). Mit seiner ersten Wagner-Inszenierung, den Meistersingern, wurde 1960 das neue Haus eröffnet (wie 1985 die wiederaufgebaute Semperoper mit seinem Freischütz). In Leipzig inszenierte er auch den Fliegenden Holländer, Lohengrin und 1973 bis 1976 den Ring des Nibelungen; anderswo noch Tannhäuser und Parsifal (in London, auf Englisch).

Als Chefregisseur der Oper Dresden (seit 1985 Semperoper) zeichnete Joachim Herz von 1982 bis 1991 für rund ein Dutzend Inszenierungen verantwortlich: Mozart, Verdi, Richard Strauss, Alban Berg, auch eher Unerwartetes wie Die Nase von Schostakowitsch, Schicksal von Leoš Janá?ek (dt. Erstaufführung), und sogar noch einmal eine Uraufführung: Der goldene Topf von Ekkehard Mayer nach E. T. A. Hoffmann (1989). In einem vorab veröffentlichten Interview sagte Herz, dessen Talent für prägnante Formulierungen legendär war, damals, das Stück spiele in seinem Wohnzimmer... – Die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in seiner Heimatstadt verlieh ihm im Januar 2009 die Ehrendoktorwürde.

Zu allen Zeiten hat Herz seine konzeptionellen Überlegungen in Programmheft-Beiträgen, Essays, auch Vorträgen erläutert, Texte von ihm sind in mehreren Sammelbänden (zuletzt in drei gehaltvollen Bänden mit dem schönen Titel Oper mit Herz) erschienen. Besonders wichtig und gewichtig sind die Kommentare zum Leipziger Ring, die Text und Musik ausdeuten. Dabei kam ihm zugute, dass er als studierter Kapellmeister wusste, wovon er sprach – ein großer Vortrag Worum geht es in Richard Wagners Ring des Nibelungen enthält zahlreiche Notenbeispiele.

Herz prägte die Formel von der „realistisch-komödiantischen Wagner-Interpretation“. „Komödiantisch“ heißt, dass Bedeutung primär über „körperhafte Aktion“, das Spiel der Darsteller, und nicht etwa über das Bühnenbild vermittelt wird. „Realistisch“ bezieht sich auf Wagners „sozialrevolutionäres Anliegen“: der Ring als „Parabel“, die im Gewand des Mythos Probleme der eigenen Zeit verhandelt. In einer späten Schrift setzt Wagner den Ring mit einem „Börsen-Portefeuille“ gleich, er ist Zeichen für die Akkumulation von Kapital.

Seit Patrice Chéreau diese Idee aus Leipzig 1976 1:1 in seinen sogenannten „Jahrhundertring“ in Bayreuth übernahm, ist sie zum Gemeinplatz geworden, keine neuere Ring-Inszenierung kommt darum herum, sich zu ihr zu verhalten. Im notwendigen Copyright-Vermerk sollte stehen: „made in Leipzig“.

Bis ins hohe Alter brannte Joachim Herz mit Leib und Seele für das Musiktheater. Er konnte schroff sein, wenn man seine Überzeugungen nicht teilte. Ich erinnere mich an ein Gespräch in Salzburg, am Morgen nach der Aufführung von Ligetis Grand Macabre (den er 1991 in Leipzig inszeniert hatte). Es war meine erste Begegnung mit dem Werk; ich war überwältigt und unfähig, zwischen dem Stück und der Inszenierung von Peter Sellars zu unterscheiden. Da wurde er inquisitorisch: „Es stört Sie also nicht, dass da was ganz Anderes passiert als im Text steht?“ Er wusste so unendlich viel, hatte ein phänomenales Gedächtnis, und in so vielem hatte er recht! Er fehlt uns.

Albert Gier

Joachim Herz ist am 18. Oktober 2010 in Leipzig verstorben. Der Beitrag wurde von dem Romanisten und Librettoforscher Albert Gier für den Abdruck in unserem Newsletter überarbeitet. Gier hat 1994 an der Universität Bamberg das „Dokumentationszentrum für Librettoforschung“ gegründet. Er gilt als führender Experte auf dem Gebiet der literaturwissenschaftlichen Opernforschung.

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