Mythos Schwan – ein Tauchgang in die Tiefen der Wagnerschen Schwanenromantik

Seit dem 22. April beherbergt unser Museum eine kulturgeschichtliche Voliere. Aufgestellt wurde sie in aller Stille, nun hat sie endlich für alle Vogelmytheninteressierten ihre Pforten geöffnet. Ein auftrumpfender weißer Schwan steht darin einem schüchternen schwarzen Schwan gegenüber: schillernde Mystifikation Auge in Auge mit dunklem Geheimnis. Konträr dazu die Wandauskleidung in Schwarz und Weiß: Eintauchen in die mythischen Tiefen des weißen Urbilds – Aufklärung des Tabunebels um sein schwarzes Alter Ego. Zweipolig ist die gesamte Ausstellung gestaltet. Und entsprechend kann man sie auch von zwei Warten aus betrachten.

Von der einen Warte aus bietet sie ein Panorama der vielfältigen Schwanenmythen, die in unserer Kulturgeschichte so tief verwurzelt sind. Ein Opernglas wäre hier ein zu schwaches Sichtgerät. Es bedarf schon eines professionellen Feldstechers mit exzellenter Fernsicht, denn man muss bis zu 40.000 Jahre weit zurückblicken können, auf eine Schwanenknochenflöte, dem vielleicht ältesten bekannten Instrument der Menschheit. Und auch die berühmten antiken Mythen vom Schwanengesang, von Apollos Vogel oder von Leda mit dem Schwan wollen scharf in den Blick genommen werden, nicht anders als die Schwanenlegenden der alten Germanen, Finnen oder Inder.

Insgesamt neun thematische Facetten präsentiert die Graupaer Mythenvoliere. Der Schwan tritt darin als Vogel der Musik auf, als Schicksalskünder, als Seelenvogel, als Emblem der Göttlichkeit. Er erscheint aber auch als Sinnbild für Majestät, Freiheit, Erotik und sexuelles Anderssein.

Der zweite Aussichtsstandpunkt nimmt die Schwanenbezüge bei Richard Wagner ins Visier und bietet überraschende Einblicke in die Schlinggewächse seiner Symbolik. Alle neun Schwanenfacetten haben ihr Spiegelbild in Wagners Leben und Werk. Der Kosmos des Komponisten entpuppt sich als wahrer Knotenpunkt der Schwanenromantik des 19. Jahrhunderts. Und seine Schwanenfaszination griff auch auf Menschen seines Umfelds über, die ihn im Kult um diesen Vogel teilweise noch überboten. Ludwig II. übersäte seine Schlösser mit Schwanenmotiven, sein Sohn Siegfried schrieb gleich drei Opern mit Schwanenmotiven.

Sie können mal einen Test machen: wie viele Stichpunkte fallen Ihnen zum Thema Wagner und der Schwan ein? Das Stichwort Lohengrin ist für Freunde des Graupaer Museums schonmal geschenkt. Auch der skandalöse Schwanenschuss in Parsifal kommt jedem Wagnerfan sofort in den Sinn. Dann muss man schon etwas versteckter suchen. Vielleicht ist Ihnen im Bühnenraum unserer Dauerausstellung schon einmal die Postkarte mit Leda und dem Schwan aufgefallen. In diesem verführerischen Bild gipfelt laut Szenenanweisung das Pariser Tannhäuser-Bacchanale. Weniger bekannt ist auch Wagners Klavier-Albumblatt Ankunft bei den schwarzen Schwänen, ein rätselhaftes Seitenstück zum Tristan.

Für weitere Funde muss man dann schon in die Kellerräume des Verworfenen hinabsteigen – um dort aber Erstaunliches zu entdecken. Wussten Sie, dass Wagner zwischen Lohengrin und dem Ring des Nibelungen eine zweite Schwanenoper plante, deren Text schon relativ weit ausgearbeitet war? Es ist die Sage von Wieland dem Schmied, der eine Schwanenjungfrau zur Frau gewinnt, dann aber in die Knechtschaft des König Neidung – eines Vorgängers des kapitalistischen Despoten Alberich – gerät. Der an den Füßen verstümmelte Wieland schmiedet sich Schwanenflügel (aus Schwertern!) und entkommt damit seinem Peiniger. Die finale Vereinigung Wielands mit Schwanhilde in den Lüften ist ein grandioses Bild von Wagners revolutionärer Utopie. Ein Jammer, dass er dieses Drama nicht auskomponiert hat. Wie hätten wohl die revolutionstrunkenen Schwanenwesen geklungen?

Damit ist die Liste der Wagner'schen Schwanenmotive aber noch lange nicht am Ende. Sie können in der Ausstellung erfahren, warum auch die Walküren, die Rheintöchter und sogar die Nornen mit dem Mythos Schwan etwas zu tun haben. Und im Ausstellungsteil im Lohengrinhaus können Sie das Geheimnis der schwarzen Schwäne lüften, das bei Wagner, Ludwig II. und bei Siegfried Wagner in dessen Oper Schwarzschwanenreich eine Rolle spielt – und das sich auf verschlungene Weise mit Andersens Schwanenmärchen, Tschaikowskis Schwanensee und entfernt sogar mit Marlene Dietrichs glamourösem Schwanenmantel berührt.

Sie sehen: Unsere Sonderausstellung sollte für den Wagner-Liebhaber ebenso viel bieten wie für den kulturornithologisch Interessierten. Sie ist bis zum 17. Oktober 2021 zu sehen und wie immer im Rahmen eines Museumsbesuch zugänglich.

Kontakt

Postanschrift

Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna mbH
Richard-Wagner-Stätten Graupa
Tschaikowskiplatz 7
01796 Pirna OT Graupa

Telefon: 03501 461 965-0
E-Mail: wagnerstaetten@pirna.de

Öffnungszeiten Jagdschloss Graupa

Do/Fr/Mo: 11 – 17 Uhr
Sa/So/feiertags: 10 – 17 Uhr

Öffnungszeiten Lohengrinhaus

Do/Fr/Mo: 12 – 17 Uhr
Sa/So/feiertags: 11 – 17 Uhr

oder nach telefonischer Vereinbarung.

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