Wagner und Beethoven – Von Obsessionen, Hommagen und stiller Vereinnahmung

Mit Beethovens „Sonaten ging er schlafen und mit den Quartetten stand er auf“ – was Heinrich Dorn 1838 über Richard Wagners Beethoven-Obsession berichtete, mag humoristisch überspitzt sein. Dass der Wiener Musik-Titan für das aufstrebende sächsische Musikgenie das Idol aller Idole war, steht aber außer Zweifel. Infiziert war er, seitdem er als 14-jähriger Beethovens Siebte Sinfonie im Leipziger Gewandhaus gehört hatte. Er versuchte sich alle Noten des Meisters zu beschaffen, schrieb sie zum Teil in langen Nächten ab. Wie genau er ihn studiert hatte (und imitieren konnte!), bezeugen sein frühen Instrumentalkompositionen – mehrere Ouvertüren, zwei Klaviersonaten, eine Sinfonie.

Mindestens ebenso wichtig wie das kompositorische Vorbild Beethovens war der ihn umgebende Mythos. Die Erzählungen über dessen wunderlichen Lebenswandel, die heroische Bewältigung seiner Taubheit, erzeugten in Wagner das „Bild erhabenster überirdischer Originalität“. In der Neunten Sinfonie witterte er das „Geheimnis aller Geheimnisse“ und suchte dieses „Dämonium“ beim Abschreiben zu erforschen. Noch im Schlaf verfolgte ihn das mystisch verklärte Vorbild. Glaubt man Wagners Memoiren, sprach er mit Beethoven in „ekstatischen Träumen“, beim Erwachen „in Tränen schwimmend“.

Was nach der Fan-Hysterie heutiger Popkultur klingt, machte sich Wagner bald für die eigene künstlerische Mission zunutze. In seiner in Paris geschriebenen Novelle „Eine Pilgerfahrt zu Beethoven“ schlüpfte er in die Rolle eines idealistischen Verehrers, der mit einer Privataudienz bei dem Meister belohnt wird. Wagner schreckte nicht davor zurück, dem geheiligten Genius den Kern seiner eigenen Ästhetik in den Mund zu legen: dass nämlich ein „musikalisches Drama“ zu schaffen sei, in dem der erhabene Ernst sinfonischer Musik sich mit dem szenischen Wort verschwistert.

Anna Khomichko stellt am 25. Oktober die Jahrhundertgenies Beethoven und Wagner einander gegenüber

Was bei Wagner aus dieser Verehrung und der durchaus eigensinnigen Vereinnahmung Beethovens geworden ist, lässt sich am 25. Oktober im Konzertsaal des Graupaer Jagdschlosses hautnah erlebeAnna Khomichkon. Anna Khomichko, die mehrfach preisgekrönte, junge russische Pianistin, stellt Klaviermusik der beiden Jahrhundertgrößen gegenüber. Auf den ersten Blick könnten die Gegensätze kaum größer sein: Beethovens formal ausgeklügelte, pianistisch originelle Klaviersonaten sind Gipfelwerke seines Schaffens. Wagner hatte sich nach seinem Beethovenrausch Anfang der 1830er Jahre dagegen ganz auf das Musiktheater verlegt. Für Klavier schrieb er nur noch Gelegenheitswerke, meist für verehrte Damen, in deren (auch materieller) Schuld er stand. Darin tritt er in einem ganz ungewohnten Tonfall auf: einer romantischen Lyrik, die an Schumann oder Mendelssohn erinnert. Und doch schimmert immer wieder der Lehrmeister Beethoven hindurch. So bildet die religiös getönte Lyrik von dessen langsamen Sonatensätzen das stilistische Fluidum der „Album-Sonate“, die Wagner 1853 für seine Züricher Mäzenin und Muse Mathilde von Wesendonck schrieb.

In einigen von Wagners Klavierhommagen tritt aber doch sein ureigener Personalstil hervor. Das 1876 entstandene Albumblatt für Betty Schott, die Witwe seines Verlegers (und Gläubigers…), steht dem „Siegfried-Idyll“ nahe. Und in der „Ankunft bei den schwarzen Schwänen“ aus dem Jahr 1861 wird eine „Lohengrin“-Reminiszenz von geheimnisvollen „Tristan“-Akkorden eingerahmt. Inspirationsquelle waren ein Paar schwarzer Schwäne, das Wagner im Pariser Tuilerien-Park fasziniert beobachtete. (Dem vielschichtigen Kult der schwarzen Schwäne, der über Ludwig II. bis zu Siegfried Wagners Oper „Schwarzschwanenreich“ reicht, wird im kommenden Jahr unsere Sonderausstellung „Mythos Schwan“ nachgehen.)

Den Auftakt ihres Rezitals setzt Anna Khomichko mit Beethovens fideler F-Dur-Sonate op. 10/2 aus den Jahren 1796 bis 1798. Nicht von ungefähr widmete er sie seinem Lehrer Joseph Haydn, sprüht sie doch in dessen Manier vor originellen, mitunter skurrilen Einfällen, die sich locker und zugleich zwingend aneinanderreihen. Eine vergleichbare Hommage blieb Wagner einem Komponisten schuldig, von dem er stillschweigend einiges aufgesaugt hatte, vor allem kühne harmonische Entdeckungen: Franz Liszt. Dieser wiederum war so selbstlos, dass er sich 1867 – just als der Skandal um seine Tochter Cosima und Wagner am Kochen war – nicht davon abhalten ließ, ein Prunkstück Wagner’schen Klangzaubers für Klavier zu bearbeiten, nämlich „Isoldens Liebestod“ (für deren „opernmedizinische“ Todesursache er damit übrigens den Begriff kreierte).

Liszts farbenschillerndes Arrangement wird den Abschluss von Anna Khomichkos Konzerts bilden. Lassen Sie sich die Spurensuche nach den faszinierenden Resonanzen musikalischer Genies am 25. Oktober nicht entgehen!


 

Anna Khomichko – Klavierkonzert "Wagner und Beethoven"
So | 25. Oktober 2020 | 15 Uhr
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Mehr zum Verhältnis von Wagner zu Beethoven erfahren Sie unter der Rubrik Museum multimedial.
Im Video erklärt Dr. Wolfgang Mende, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Richard-Wagner-Stätten Graupa, die besondere Beziehung Wagners zu Ludwig van Beethoven.
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